Ljudmila Petina „Frauen sind eine sehr wichtige Quelle der Kraft und der Veränderung “
Red.: Was hat Sie motiviert vom 19. bis 25. März dabei zu sein?
L.P.: Ursprünglich wollte ich am 19. März auf den Platz gehen um gegen die Lüge und Rechtlosigkeit zu protestieren. Ich war während der Vorbereitung der Wahlen dabei und da war mir klar, dass diese Wahl nicht gerecht sein wird. Direkt davor war ich von einer Reise durch das ländliche Belarus zurück nach Minsk gekehrt, wo ich mich mit vielen Frauen getroffen habe. Während Lukaschenkos Amtszeit waren keine der Wahlen in Belarus gerecht und frei. Was aber diesmal passierte hat alle Grenzen überschritten. Der Druck auf die Bevölkerung war beispiellos. Diesmal ging es so weit, dass die Leute Angst hatten öffentlich über die Wahlen zu sprechen. Sie hatten Angst darüber zu diskutieren und über die Kandidaten zu reden. Und wenn es um den einzigen demokratischen Kandidat ging, fingen sie an zu flüstern und um sich herum zu schauen. So was hat Belarus noch nie erlebt. Sogar im Jahr 2001 haben die Leute öffentlich über die Kandidaten diskutiert. Viele hatten die Hoffnung durch die Wahlen, durch einen neuen Kandidat die Situation in Belarus ändern zu können. Diesmal haben die Frauen auf den Treffen ihre Sicht so beschrieben: „Was sind schon Wahlen, was können sie ändern? Sie werden das schreiben was sie wollen.“ Anders gesagt, versteht die Bevölkerung, dass die Wahl nicht gerecht ist. Gleichzeitig waren die Menschen auch sehr unterdrückt und konnten nicht protestieren. Ich habe es auf jedem Treffen gesehen. Die sagten: „Was kann in solchen Bedingungen die Opposition machen?“
Und der erste Tag der Wahlen hat nur bestätigt, dass „geschrieben wird was nötig ist“. Ich war am 19. März als Beobachterin an einem der Wahllokale in Minsk. Ich habe gesehen, dass sogar am Tag der Wahlen viel manipuliert wurde - vor den Augen der Beobachter. Ich habe beobachtet wie die Stimmen gezählt und später gestapelt wurden. Die Anzahl entsprach später dem Ergebnis, dass danach im Protokoll stand. Obwohl es einen sehr großen, einen halb so großen und zwei kleine Stapel gab, hieß es im Protokoll, der Hauptkandidat hätte mehr als tausend Stimmen bekommen und alle anderen hätten deutlich weniger und genau gleich viele Stimmen bekommen. Darum bin ich am 19 März gekommen.
Red.: Was hatten Sie erwartet, als Sie auf den Platz gingen?
L.P.: Als ich hinging, hatte ich so was wie in der Ukraine natürlich nicht erwartet, es wäre in Belarus nicht möglich gewesen, wir haben andere Bedingungen. In Belarus ist die politische Opposition seit fast 10 Jahren nicht mehr im Parlament. Und das bedeutet, dass sie kein Zugang zu Informationen und zu den Medien hat und damit auch keinen Einfluss auf die Massen. Sogar die begrenzten Befugnisse der Deputaten im Parlament sind auch Befugnisse und können ihre Wirkung haben. Andererseits hat die Regierung die nationale Wirtschaft kaputtgemacht, die sehr an Veränderungen interessiert war. In Belarus sind private Unternehmen in den Händen der Staatsbeamten Oligarchie, die mit der Regierung verbunden ist und sie erhalten will. Deswegen war es hoffnungslos mit der Hilfe der Großunternehmen zu rechnen, so wie es in Ukraine der Fall war. In der Ukraine gab es auch die Verfolgung der freien Presse und Massenorganisationen nicht, die eine wichtige Rolle in den Medien gespielt hatten. In Belarus die Macht ist immer bereit die…???.. anzuwenden. Und als wir zu dem Platz gingen, sahen wir, dass rund um den Platz viele AVTOZAK standen. Wir wussten, dass sie jede Minute gegen uns angewendet werden könnten. Trotzdem sind viele Leute gekommen um zu sagen, dass sie unzufrieden damit sind was im Land passiert. Was später passierte, kam für alle unerwartet, auch für mich. Abgesehen davon, dass unser Frauen Koalitionsteam Bezug zu den Hauptkandidaten hatte, kannten wir keinen Plan für die Aktion am 19 März. Wir hatten Leute aufgerufen und viele kamen dazu, aber es gab keinen bestimmten Plan. Wir glaubten, er wird auf dem Platz bekannt gegeben.
Red.: Wie schätzen Sie die Reaktion der Oppositionspolitiker in Bezug auf ihre Aussage ein, dass es keinen bestimmten Aktionsplan gab, außer dem Aufstellen von Zelten?
L.P.: Ich will jetzt gar nichts groß kommentieren. Aber alle haben mehr von den Politikern erwartet, auf jeden Fall, ein etwas klareres Aktionsszenarium. Es war offensichtlich, dass nicht die Politiker die Situation bestimmt haben, sondern sich die Handlungen spontan entwickelt haben. Helden waren die jungen Leute, die die Zelte aufgebaut haben und blieben bis sie weg mussten. Dank dieser Leute hat sich was in der Geschichte Weißrusslands verändert. Sie haben der ganzen Welt gezeigt, dass Weißrussen auch ihren Stolz haben und bereit sind, das Recht auf Freiheit zu erkämpfen. Diese jungen Frauen und Männer haben einen höheren Grad an Selbstorganisation gezeigt, obwohl viele von ihnen in keiner Partei und Organisation Mitglied war. Natürlich waren in der gesamten Zeit auch Mitglieder verschiedener Organisationen dabei. Viele der Ex-Kandidaten und ihre Familien verbrachten viel Zeit bei der Demonstration. Man kann diese Handlung unterschiedlich einschätzen. Alle vermuteten, dass die Demonstration wahrscheinlich gewaltsam aufgelöst worden wäre. Ich glaube, die Politiker spüren Ihre Verantwortung für die Jugend. Am 22. März stellte Kozulin die Frage, ob die Zelte schon weggeräumt werden sollten. Aber die Jugend, die schon zwei schwierige Tage ausgehalten hatte, war dagegen. Milinkevitch hatte bestätigt, dass auch er mit auf dem Platz bleiben wollte und dass es ihr Recht sei, für die Freiheit zu kämpfen.
Red.: Was fehlt Ihnen? Es gibt keinen Krieg, in den Geschäften gibt es ausreichend Waren, Rente und Gehalt werden bezahlt…
L.P.: Mir, wie auch allen anderen, fehlt die Freiheit. Für die Zukunft und unsere gemeinsame und persönliche Freiheit, demonstrierten wir auf dem Platz. Jeden Tag werden Handlungsspielräume, die Redefreiheit und sogar die Denkfreiheit geringer. Wir werden von den Machthabern in die Dissidenten Ecke („die Ecke der anders Denkenden“) gedrängt, uns wird die Möglichkeit weggenommen auf das Schicksal unseres Landes, auf ökonomische, soziale und politische Entscheidungen mitzuwirken. Endlich unsere Zukunft zu gestalten, das ist das Wichtigste für mich. Als Beispiel würde ich unsere Organisation nennen (Unabhängige Demokratische Frauenbewegung), die schon seit 14 Jahren existiert. Alle diese Jahre haben wir in einer offenen Dialog-Form gearbeitet. Dank unserer Organisation wurde im Land zum ersten Mal über viele Frauen Probleme geredet, auch über das moderne Thema der Geschlechter Gleichberechtigung. Wir haben nicht nur definiert und erforscht, sondern auch erfolgreich viele Probleme gelöst und haben viel praktisch gearbeitet. An unseren Weiterbildungsaktivitäten haben viele Frauen teilgenommen. Und jetzt werden wir aus der Sozialarbeit getrieben; sind praktisch schon in die Illegalität. gegangen. Leider hat die Geschichte schon gezeigt, dass die Weißrussen einen höheren Anpassungsgrad haben. Schritt für Schritt wird auf die eigene Freiheit verzichtet. Wir gehen dorthin, von wo wir vor kurzer Zeit erst heraus gekommen sind. Aus diesem schrecklichen totalitären Gefängnis. Ich habe dort den größten Teil meines Lebens verbracht. Abgesehen davon, dass ich meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnte, habe ich ständig den Rahmen der Unfreiheit gespürt. Erniedrigung der Menschenwürde, Rechtlosigkeit vor dem Regierungsapparat und auch ideologische Propaganda wie Manipulation und Lügen. Weißrussland hat eine bessere Zukunft verdient. Wir sind eine europäische Nation und Freiheit hat für uns einen sehr hohen Wert.